Schuld ist immer ein anderer

Ich hatte jetzt kürzlich ein Gespräch in dem es über die quasi “Veramerikanisierung” geht. Und da kam mir so der Gedanke, dass – egal wo ich hingehe, egal mit wem ich darüber spreche – es niemand will. Im Genaueren geht es darum einen Schuldigen zu suchen. Man selber ist nie Schuld, es muss jemand anderer herhalten.

Not My Fault

Ein markantes Beispiel ist der Berg. Wenn hier etwas passiert, dann wird ein Schuldiger gesucht. Wer ist daran Schuld, dass der oder diejenige unter die Lawine kam? Wer ist daran Schuld, dass der oder diejenige vom Berg gestürzt ist? Ist ein ausgebildeter Berg- oder Skiführer dabei (ich schreibe hier von einer privaten Tour nicht vom AV aus oder so), dann fällt die Wahl nicht schwer. Denn, der hätte es wissen müssen, dass der Hang zu steil, der Stein zu rutschig oder was weiß ich was war.

Wir bleiben am Berg: ich bin alleine mit dem Mountainbike unterwegs. Plötzlich eine tiefe Rinne. Meine Geschwindigkeit lässt es nicht zu, dass ich davor noch bremse. Das Vorderrad verhakt sich in dieser Rinne und ich überschlage mich. Resultat: schwerste Verletzungen. Wer ist schuld? Ich? Nein, nicht doch. Wir schauen mal, wer der Wegerhalter ist, oder wie man den nennt. Denn der muss doch dafür Sorge tragen, dass der Weg tadellos in Ordnung ist. Es ist ja offiziell biken erlaubt.

Ich brauch glaube ich gar nicht mehr Beispiele nennen. Die Frage, die sich mir hier stellt: “Warum lassen wir das zu?” Der Ski- oder Bergführer verliert seine Lizenz (wofür er viel Geld hinlegen musste) und wird zu einer hohen Strafe verdonnert. Die anderen Ski- oder Bergführer ziehen sich aufgrund dessen zurück und machen lieber Touren alleine oder unter der Obhut eines Vereines. Und fragt man ihn mal: “Möchtest nicht mit mir auf den Großglockner gehen?” Dann ist die Antwort: “Nein, weil wenn was passiert bin ich als Bergführer schuld!”.
Der Wegerhalter wird ebenso zur Kassa gebeten und macht aus dem Weg ein Fahrverbot und somit ist er in Zukunft aus dem Schneider.

Und was sagen wir? “Ist halt so! Die Zeiten ändern sich.” Und ich stelle mir die weitere Frage: “Ist das wirklich so? Können wir nichts dagegen tun?”. Ich meine, jeder beschwert sich über genau dieses Problem (natürlich beschwert man sich in Wirklichkeit über viel viel mehr Probleme), aber man lässt es einfach zu. Können wir nicht wieder zurück zur Eigenverantwortung?
– Hey, die Rodelbahn ist eine Naturrodelbahn, wenn du gegen den Baum fährst bist einfach DU schuld und nicht die fehlenden Banden.
– Hey, es steht da, dass es sich um alpines Gelände handelt, es steht da, dass es Lawinengefährlich ist. Wenn du unter die Lawine kommst, dann bist DU selber schuld. Nicht der Kollege, der sich ja auskennen müsste, ist ja schließlich ein Ausgebildeter. Ja nicht selber denken, nein.
– Hey, es hat geregnet, es ist rutschig am Fels, wenn du ausrutscht und abstürzt, dann ist es verdammt nochmal DEINE Schuld.
usw….

Wie gesagt ich verstehe es bei einer geführten Bergtour. Wenn der Berg- oder Skiführer leichtsinnig die Teilnehmer in Gefahr bringt. Aber wenn es der Kollege vom Kollegen ist, der dabei ist, und ich dann weiß, dass der eine Ausbildung hat, dann heißt es noch lange nicht, dass ich mein Hirn ausschalten kann. Wenn der Kollege vom Kollegen in einen Hang über 40° bei Lawinenwarnstufe 3 einsteigt, dann kann ich doch selber entscheiden, dass das einfach Scheiße ist und wenn ich dann doch mitgehe, dann ist nicht der Kollege vom Kollegen schuld.

Wie können wir jedoch wieder in die andere Richtung gehen? Ganz ehrlich: ich weiß es nicht. Ich kann nur einen Appell an alle da draußen richten:

Denkt’s wieder selber! Schaltet’s euer Navi aus und euer Hirn ein! Hast du Angst? Dann lass es bleiben! Hab Mut ‘nein’ zu sagen! Niemand wird dir hinterher die Schuld geben, dass die Tour deswegen ins Wasser gefallen ist. Und tut’s doch wer, dann ignorieren. Sicherheit geht vor! Und sollte doch einmal was passieren, dann gib nicht den anderen die Schuld. Wenn du dich im Gasthaus verhockst…. dann sind die anderen die Schuld, oder? Na dann PROST!

Und was ich noch sagen wollte:
Da ist MEINE Meinung – aber hier bin ich mir sicher: ich bin nicht allein!
Viel Spaß weiterhin in den Bergen!

 

3 Comments

  1. Wahre Worte, die du, wie aus meiner Seele, in deinen wunderbaren Worten niederschreibst – genau so is`es; jeder ist für sich selbst verantwortlich; und nicht nur in den Bergen! Danke dafür.

  2. Kurz zur Wegehalterhaftung: der Weghalter haftet nur bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz, wenn keine Maut verlangt wird, siehe 1319a ABGB. Dies wird in der Regel auf deinen Fall nicht zutreffen. Außerdem wird eine Rinne im Forstweg nicht als Mangel qualifiziert werden. Dasselbe wird bei der Rodelbahn und dem Baum nicht passieren. Nur atypische (unübliche) Gefahren sind vom Wegerhalter abzusichern. So “amerikanisiert” ist unser Rechtssystem noch nicht 🙂
    Aber beim Grundgedanke Eigenverantwortung stimme ich dir völlig zu!

    • Hallo Benedikt!
      Ich habe es absichtlich ziemlich überspitzt dargestellt, da es in der Regel sehr viel komplexer ist und es gibt hier viele Grauzonen. Dennoch (leider keine ‘Beweise’) hört man doch so Einiges in dieser Hinsicht. Gerade beim Radln und Rodeln. Gerade beim Rodeln passieren immer wieder Unfälle mit sogar tödlichem Ausgang wo dann die Rodelbahn die Schuld ist, da zu gefährlich. Werde mir den Paragraphen aber mal durchlesen!
      Danke jedenfalls für den Hinweis!
      ©a-x-i

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